Interview mit Privatdozent Dr. med. Dr. phil. Dr. med. habil. Michael K. Stehling

Herr Dr. Stehling, die Bildgebende Diagnostik bietet in erster Linie Untersuchungen zur Vorsorge und Früherkennung an. Warum sind diese so wichtig?

Weil vorsorgen besser ist als heilen! Für viele gefährliche Erkrankungen gibt es nämlich im Vorfeld eindeutige Warnsignale, deren frühe Erkennung es dem Arzt ermöglicht, rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. Manchmal genügt es schon, bestimmte Lebensgewohnheiten zu ändern, sich zum Beispiel ausgewogener zu ernähren oder Sport zu treiben. Die moderne Medizin kann zwar viele Krankheiten heilen, es ist aber allemal besser, durch Prävention oder einen positiven Lebenswandel gar nicht erst krank zu werden.


Mit Vorsorgeuntersuchungen werden also Risikofaktoren abgeklärt?

Genau. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit, was seine Gesundheit betrifft. Manche haben zum Beispiel eine genetische Vorbelastung, andere rauchen oder haben Übergewicht. Der Nutzen einer Vorsorgeuntersuchung beschränkt sich aber nicht auf die Abklärung solcher Risikofaktoren. Entscheidend ist vor allem die Möglichkeit, bereits bestehende Krankheiten rechtzeitig zu erkennen, da im Frühstadium einer Erkrankung die Heilungschancen immer am größten sind.


Welche Rolle spielen bildgebende Verfahren bei der Früherkennung?

In der Medizin gibt es verschiedene Methoden zum Auffinden von Krankheiten, zum Beispiel die Erörterung der Krankengeschichte, das Abtasten oder die Blutuntersuchung. Die bildgebende Diagnose ist die einzige dieser Methoden, die dem Arzt einen detailgenauen visuellen Einblick in den Körper gewährt. Das Besondere ist, daß hierzu kein chirurgischer Eingriff nötig ist. Hier in der Bildgebenden Diagnostik können wir uns Ihr Inneres Dank moderner Technik virtuell ansehen und am Computerbildschirm wie mit einer Kamera durch den Körper navigieren. Damit können krankhafte Veränderungen schon in einem Stadium erkannt werden, in dem der Patient noch keine Symptome, wie zum Beispiel Schmerz, verspürt. Natürlich wenden wir andere Diagnosemethoden ergänzend an, aber die bildgebenden Verfahren sind in ihrer Zuverlässigkeit und in ihrer Informationskraft unschlagbar.


Eines dieser Verfahren, die Sie in Ihrem Institut anwenden, ist die virtuelle Endoskopie. Wie unterscheidet sich diese Methode von der herkömmlichen Darmspiegelung?

Bei der herkömmlichen Darmspiegelung wird ein Endoskop in den Darm eingeführt. Dieser Vorgang ist für viele Menschen unangenehm, für manche ältere Patienten kann er sogar schmerzhaft sein. Die Betrachtung des Darminneren ist aber unerläßlich, um Polypen zu erkennen, die zu bösartigen Tumoren entarten können. Wir können hier mit einem modernen Computertomographen den Vorgang der Darmspiegelung simulieren, das heißt, wir verzichten komplett auf die Einführung eines Endoskops. Mit dem Tomographen erstellen wir Farbaufnahmen des Bauch- und Beckenraumes, die an einen Computer weitergeleitet werden. Dort wird die Darmspiegelung virtuell berechnet.


Zur Volkskrankheit Herzinfarkt: Welche Methoden werden hier angewendet, um das individuelle Erkrankungsrisiko zu ermitteln?

Typischerweise werden in Deutschland das EKG oder das Belastungs-EKG und in vielen Fällen auch die Herzkatheteruntersuchung eingesetzt. Diese Methoden sind für eine Früherkennung aber im Prinzip ungeeignet, da sie konzipiert wurden, um Einengungen in den Herzkranzgefäßen festzustellen. Solche Einengungen treten jedoch erst im Spätstadium der koronaren Herzkrankheit auf. Zur Früherkennung braucht man eine Methode, die Veränderungen in den Wänden der Herzkranzgefäße schon im Frühstadium nachweisen kann. Dazu ist die Kardio-CT ein geeignetes Verfahren.


Wie genau funktioniert die Kardio-CT?

Die Kardio-CT ist ein modernes, sehr schnelles computertomographisches Verfahren, das das gesamte Herz in kurzer Zeit dreidimensional abbilden kann, sodaß die Herzkranzgefäße am Bildschirm rekonstruiert und bewertet werden können. Der Patient liegt dabei auf einer Liege und es wird ein EKG angelegt, um den Datenfluß zu steuern. Während der eigentlichen Bildaufnahme muß der Patient für etwa fünf bis fünfzehn Sekunden die Luft anhalten. Eine Kontrastmittelinjektion ist in den meisten Fällen nicht erforderlich, sodaß das Ganze für den Patienten völlig unbelastend und ohne Eingriff in den Körper abläuft. Die gesamte Untersuchungsdauer liegt bei etwa zehn bis zwanzig Minuten.